
Indien fordert Chinas wirtschaftliche Führungsrolle heraus

Von Olga Samofalowa
Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat eine Prognose erstellt, die einen Ausblick auf die Trends der Weltwirtschaft in den nächsten 10 und 30 Jahren geben soll. Den Erwartungen der Analysten zufolge werde die Weltwirtschaft in den nächsten 10 Jahren langsamer wachsen als vor Beginn der Pandemie – nämlich um 3,2 Prozent pro Jahr. Die Industrieländer hätten beim Wachstum das Nachsehen: Zunächst würden sie nur um 1,7 Prozent wachsen, nach 2035 sogar nur noch um 1,1 Prozent.
Besondere Aufmerksamkeit gilt China und Indien. Bloomberg prognostiziert eine erhebliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China – auf 3,6 Prozent in den Jahren 2026 bis 2035 im Vergleich zu 5,6 Prozent in den Jahren 2016 bis 2025. Nach 2035 erwarten die Analysten einen noch stärkeren Rückgang des chinesischen BIP-Wachstums. Gründe dafür seien die steigende Verschuldung, die demografische Situation und die ungünstigen Aussichten für den Export.
Indien hingegen gilt laut der Agentur als neuer Spitzenreiter unter den Schwellenländern. Das Wachstum des Landes könnte sich von 5,9 Prozent auf 7,7 Prozent beschleunigen. Auch Argentinien, Brasilien und Nigeria dürften eine günstigere Phase erleben.
Der Anteil der Industrieländer am weltweiten BIP werde insgesamt weiter sinken. In den 1990er Jahren entfielen etwa 60 Prozent der weltweiten Wirtschaftstätigkeit auf die Industrieländer. Im vergangenen Jahr lag dieser Wert bei etwa 40 Prozent, und bis zum Jahr 2056 dürfte er laut den langfristigen Prognosen von Bloomberg Economics auf unter 25 Prozent sinken. Dabei würde Chinas Anteil an der Weltwirtschaft einen Höchststand von etwa 20 Prozent erreichen, um dann in den 2030er Jahren wieder zu sinken. Indien hingegen dürfte sich ein weitaus größeres Stück vom Kuchen sichern, so die Bloomberg-Analysten.

In letzter Zeit ist es ziemlich schwierig, Prognosen selbst für einen Monat zu erstellen, da sich die Lage in der Welt rasant und unvorhersehbar verändert. Langfristige Prognosen sind jedoch wichtig. Sie sind grobe Skizzen, die große Trends und die Entwicklungspfade der Wirtschaft beleuchten.
Xenia Bondarenko, Dozentin am Lehrstuhl für Weltwirtschaft der Fakultät für Weltwirtschaft und Politik der Nationalen Forschungsuniversität Wirtschaftshochschule Moskau, erklärt:
"Eine langfristige Prognose funktioniert wie ein Navigationsgerät: Bei veränderten Bedingungen wird die Route neu berechnet, aber die allgemeine Richtung ist im Voraus klar. Schocks wie eine Pandemie verändern den Kurs für einige Jahre, aber Demografie, Verschuldung und Produktivität bestimmen ihn für Jahrzehnte.
Beispielsweise sind die Menschen, die im Jahr 2045 auf den Arbeitsmarkt kommen werden, bereits geboren, weshalb die demografische Entwicklung für die nächsten 20 bis 30 Jahre weitgehend bekannt ist. Solche Prognosen benötigen diejenigen, die Entscheidungen mit langem Zeithorizont treffen. Insbesondere Pensionsfonds und Infrastrukturinvestoren – ihr Zeithorizont erstreckt sich über Jahrzehnte. Regierungen benötigen sie zur Planung von Rentensystemen und Haushalten. Und Unternehmen – um zu verstehen, wo die Absatzmärkte liegen werden."
Der Wert einer Prognose liege darin, zu verstehen, was geändert werden müsse, damit sie sich nicht bewahrheite, oder was beibehalten werden müsse, damit sie eintrete, fügt sie hinzu.
Die Verlangsamung des Wachstums in den entwickelten Volkswirtschaften ist nicht einmal eine Prognose, sondern ein struktureller Trend. Bondarenko sagt:
"Das Wirtschaftswachstum setzt sich aus drei Quellen zusammen: Arbeitskräfte, Kapital und Produktivität. In den entwickelten Ländern lassen alle drei nach."
Sie weist auf eine ganze Reihe von Problemen hin. Erstens ist da die Demografie. Die Expertin hebt hervor:
"Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Japan, Deutschland, Italien sowie vielen anderen EU-Ländern und Südkorea nimmt ab. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Renten und das Gesundheitswesen."
Zweitens seien die Schulden der Industrieländer enorm. In vielen Ländern würden die Zinszahlungen für die Staatsverschuldung die Ausgaben für Soziales und Verteidigung übersteigen, fügt Bondarenko hinzu.
Drittens wachse die Produktivität seit 2008 nur langsam. Die Dozentin merkt an:
"Derzeit gibt es einen KI-Boom – doch es bleibt die Frage, inwieweit dies eine grundlegende Entwicklung ist und ob die Investitionen mittelfristig anhalten werden."
Die Fragmentierung des Handels und Energieprobleme führen zu steigenden Ausgaben. Hinzu komme, dass Verteidigung und Energiewende als Prioritäten hohe Ausgaben erfordern, während sie – zumindest bislang – nur begrenzte Impulse für das Wachstum liefern, bemerkt Bondarenko.
Die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft müsse man zwar zur Kenntnis nehmen, es sei jedoch noch viel zu früh, sie bereits abzuwerten. Die Expertin erklärt:
"Die Bevölkerung des Landes schrumpft seit 2022, die Schuldenlast ist hoch, die Krise auf dem Immobilienmarkt zieht sich in die Länge, Deflation und der Handelskonflikt mit den USA üben Druck aus. Daher ist ein durchschnittliches Wachstum von 3,6 Prozent für den Zeitraum 2026 bis 2035 eine realistische Einschätzung.
Man sollte China jedoch nicht unterschätzen. Es ist führend bei Elektrofahrzeugen, Batterien, Solarenergie und Robotisierung, und das Produktivitätswachstum könnte hier positiv überraschen. Die Entwicklung des Finanzsektors und die Veränderung der Handelsstruktur können die Produktionsstruktur in China qualitativ verbessern."
Was Indien betreffe, so könne es hinsichtlich des Wachstumstempos tatsächlich zum Spitzenreiter unter den großen Volkswirtschaften werden, hinsichtlich der Wirtschaftsgröße jedoch nicht. Bondarenko sagt:
"Heute ist China etwa vier- bis fünfmal so groß, und auf einen Zeithorizont von 30 Jahren betrachtet wird Indien eher Japan und Deutschland überholen als China. Indiens demografischer Vorteil wird sich zwar auswirken, aber nur, wenn es dem Land gelingt, jährlich Millionen von Arbeitsplätzen zu schaffen. Schwachstellen sind die geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen, die Qualität der Bildung, die Infrastruktur, Ungleichheit und bürokratische Hürden."
Was den Wettbewerb zwischen Indien und China angehe, so bestehe dieser schon seit Langem. Die Wirtschaftswissenschaftlerin erklärt:
"Die beiden Länder konkurrieren um ausländische Investitionen und um die Führungsrolle im Globalen Süden, hinzu kommt noch ein Grenzkonflikt. Indien hat ein großes Handelsdefizit gegenüber China und schützt seinen Markt aktiv. Dabei verfolgen beide Länder unterschiedliche Modelle: China setzt auf Industrie und Export, während Indien bislang stärker auf Dienstleistungen und die Binnennachfrage setzt. Daher sind sie eher Konkurrenten als spiegelgleiche Rivalen."
Doch der Erfolg der ASEAN, wohin sich der wirtschaftliche Schwerpunkt verlagert, werde von den Berührungspunkten zwischen China und Indien abhängen. Beide Länder hätten bereits erkannt, dass es vorteilhafter sei, zusammenzuarbeiten. Wjatscheslaw Blagirew, Direktor für innovative Produktentwicklung bei der Finanzgruppe "Finam" meint:
"China und Indien werden in ihrer Region eher zu Partnern werden. Früher gab es zwischen ihnen eine Rivalität, doch nun werden wirtschaftliche Beziehungen geknüpft, soweit wir das derzeit beobachten können."
In dieser Hinsicht sei die Entscheidung Russlands, sich sowohl mit China als auch mit Indien anzufreunden, sehr glücklich. Bondarenko sagt:
"Asien ist der wichtigste Wachstumsmarkt für Energieressourcen, Lebensmittel und Metalle, und die Energienachfrage in Indien wird wahrscheinlich am schnellsten steigen. Aber es gibt auch Risiken: Handelsasymmetrien, geringe Diversifizierung, Schwierigkeiten bei internationalen Abrechnungen und Sanktionsdruck."
Diese Zusammenarbeit könne für beide Seiten vorteilhaft sein, die Voraussetzungen dafür seien gegeben, so Blagirew. Er fügt hinzu:
"Russland ist ein reiches Land mit einer nahezu vollständigen Wertschöpfungskette. Natürlich ist es für uns von Vorteil, mit großen Absatzmärkten zusammenzuarbeiten, die nicht von Vorurteilen gegenüber unserem Land belastet sind, und eine klare Geschäftspartnerschaft aufzubauen."
Zu den langfristigen Trends zählt der Experte zudem die aktive Entwicklung von Drohnen im zivilen Bereich sowie den Trend zur Ernährungs- und Technologieunabhängigkeit weltweit.
Bondarenko weist auf den Trend zur Umgestaltung der Architektur des globalen Finanzsystems zugunsten von Abrechnungen in nationalen Währungen hin, ebenso wie auf den Trend zur Entwicklung digitaler Zentralbankwährungen, multilateraler Initiativen und die Rolle von Kryptowährungen. Auch der Kampf um Ressourcen für die Energiewende und KI – kritisch wichtige Metalle und Strom – werde weitergehen, fasst die Expertin zusammen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 24. September 2026 auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Olga Samofalowa ist eine russische Wirtschaftsanalystin.
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