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Vor 85 Jahren: Der Kindermord von Bjelaja Zerkow

Kurz nach der deutschen Besetzung des Gebiets der Ukrainischen SSR setzte im Sommer 1941 die Vernichtung der Juden ein. Ein besonders erschütterndes Kapitel des Holocausts ereignete sich heute vor 85 Jahren in dem Ort Bjelaja Zerkow mit dem Mord an 90 jüdischen Waisenkindern.
Vor 85 Jahren: Der Kindermord von Bjelaja Zerkow© Peter-Ustinov-Schule in Hude/Homepage

Schon bald nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 setzten die deutschen Besatzer zunächst die Verfolgung und kurz darauf die Ermordung der sowjetischen Juden durch. Die Juden, deren sie habhaft wurden, zwangen die Deutschen in kurzfristig eingerichtete Ghettos und töteten sie – oft nur wenige Wochen später – im Holocaust durch Kugeln.

Eines der grausigsten Massaker dieser frühen Phase fand in Bjelaja Zerkow (ukrainisch Bila Zerkwa) statt, damals eine Kleinstadt im Raum Kiew. Dort wütete im August 1941 das Sonderkommando 4a der Einsatzgruppen von Obersturmführer August Häfner, der wenige Wochen später auch am Massaker von Babi Jar beteiligt war. In Bjelaja Zerkwa erschossen die SS-Einheiten unter Mithilfe von Wehrmachts- und Polizeiangehörigen binnen einer Augustwoche 900 jüdische Erwachsene.

Aus im Dunkeln liegenden, wohl der dortigen Organisation des Massenmords geschuldeten Gründen blieben etwa 90 jüdische Säuglinge und Kinder nach der Trennung von ihren Eltern am 18. August 1941 zunächst am Leben. Obersturmführer Häfner veranlasste die Verbringung der wenige Monate bis sieben Jahre alten Kinder in ein leerstehendes Haus am Stadtrand. Andere, ältere Kinder ließ Häfner bereits am Abend des 19. August ermorden.

Auf die jüngeren Kinder wartete ein Martyrium. Die halbnackten Kinder blieben in der Augusthitze sich selbst überlassen. Bald lagen sie in ihren Ausscheidungen und waren von Fliegen bedeckt. Die älteren Kinder aßen vor Hunger den Putz von den Wänden, die Säuglinge waren bereits komatös. Das Weinen und Schreien der Kleinen entsetzte die ukrainischen Anwohner, störte aber auch verwundete Wehrmachtssoldaten im Kriegslazarett 4/607, die ihre Militärgeistlichen über die grauenerregenden Zustände informierten.

Die SS hatte nie beabsichtigt, die jüdischen Kinder am Leben zu lassen. Dennoch ergibt sich an dieser Stelle im Drama der Waisenkinder von Bjelaja Zerkow ein retardierendes Moment. Eine kurze Zeit sah es so aus, als könnten zumindest die in dem Haus am Stadtrand eingepferchten Kinder dem Massenmord entkommen.

Denn durch die deutschen Militärgeistlichen erfuhr der Erste Generalstabsoffizier der 295. Infanterie-Division, Oberstleutnant Helmuth Groscurth, vom Schicksal der sich selbst überlassenen Kinder. Er ordnete ihre Versorgung mit Wasser und Nahrung an und ließ das Gebäude von Wehrmachtssoldaten absperren, damit die SS die Kleinen nicht fortbringen konnte.

Letztlich war Groscurths Intervention vergebens. Denn die SS setzte sich durch und Groscurth erhielt eine Rüge vom Befehlshaber der 6. Armee, Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, der die Ermordung der Kinder anordnete. Die Wehrmacht brachte am Nachmittag des 22. August 1941 die Kinder an eine zuvor ausgehobene Grube am Waldrand. Um die Psyche der Deutschen nicht zu belasten, wurden ukrainische Kollaborateure mit der Erschießung der Kinder beauftragt.

SS-Mann August Häfner schildert den darauffolgenden Kindermord während einer späteren Vernehmung so:

"Die Kinder wurden oberhalb der Grube aufgestellt und erschossen, sodass sie hineinfielen. Wo sie gerade getroffen wurden, wurden sie eben getroffen. Sie fielen in die Grube. Es war ein unbeschreiblicher Jammer. Dieses Bild vergesse ich nie in meinem Leben. Ich trage sehr schwer daran. Insbesondere ist mir ein Erlebnis mit einem kleinen blonden Mädchen in Erinnerung, das mich an der Hand nahm. Es wurde später auch erschossen."

In Deutschland sind der Kindermord von Bjelaja Zerkow wie auch das ihm vorangegangene Massaker an den jüdischen Erwachsenen wenig bekannt. Eine Oberschule im niedersächsischen Hude nahm sich im Jahr 2021 des Gedenkens an diese nationalsozialistische Gräueltat an und gestaltete im Rahmen eines Erinnerungsprojektes verschiedene künstlerische Installationen. Als Motto des Projekts wählten die Schüler die Aufforderung "Komm und sieh:…", wohl in Anlehnung an den berühmten Klimow-Film.

Der – in Bezug auf die Interpretation von Groscurths Rolle nicht ganz unproblematische – Film des deutschen Regisseurs Karl Fruchtmann mit dem Titel "Die Grube" zum selben Thema ist in Vergessenheit geraten und wird auch heute zum 85. Jahrestag im Fernsehen nicht gezeigt. In Bila Zerkwa selbst gibt es seit dem Jahr 2019 ein Holocaust-Denkmal.

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